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Metaller legen die Arbeit nieder

An der ersten Welle der Warnstreiks im Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie beteiligten sich auch Beschäftigte der Firma Procast Guss GmbH, vormals Claas Guss. Rund 50 der 160 Mitarbeiter hatten sich vor den Werkstoren an der Brockhäger Straße versammelt, darunter die komplette Frühschicht. "Die Produktion steht still, das Ziel ist erreicht", freute sich Beate Kautzmann, die 1. Bevollmächtigte der IG Metall.

Es war ein Schritt in Richtung der gewerkschaftlichen Ziele dieser Tarifrunde: "Es geht um sechs Prozent mehr Geld und Arbeitszeiten, die zum Leben passen", formulierte die Bevollmächtigte in ihrer Ansprache die zentralen Forderungen. Der Wirtschaft in NRW gehe es gut, in den meisten Betrieben brumme es. "Wir verdienen einen fairen Anteil daran, und deswegen sind sechs Prozent gerechtfertigt und vor allem bezahlbar."

Das Arbeitgeber-Angebot von zwei Prozent ab April und eine Einmalzahlung von 200 Euro für Januar bis März bei zugleich flexiblerer und längerer Arbeitszeit ("über 40 Stunden hinaus") nannte die Gewerkschafterin eine "Provokation".

Die IG Metall fordert dagegen, die geltenden 35 Wochenstunden zeitweise auf 28 verkürzen zu können, eben "Arbeitszeiten, die zu unserem Leben passen", so Kautzmann. "Unser Leben ist doch kein Tempomat!" Es gebe Zeiten, in denen könne man "im Job ordentlich Gas geben", und andere, in denen das nicht so gehe: manchmal bräuchten die Kinder die Eltern mehr; es könne plötzlich einen Pflegefall in der Familie geben; und "unser Körper und unser Geist sind auch keine Maschinen." Die Gewerkschaft spüre bei ihren Forderungen gesellschaftlichen Rückenwind, so Kautzmann.

Die Geschäftsführung von Procast, das Ende 2017 den Flächentarifvertrag verlassen hat, rief die IG Metall-Vertreterin auf, wieder für eine Tarifbindung zu sorgen. Wie es hieß, war dieser eineinhalbstündige Warnstreik der erste seiner Art in dem Unternehmen. 

Auch bei Westfalia Automotive in Rheda-Wiedenbrück folgten etwa 300 Beschäftigte dem Aufruf der Gewerkschaft zu einem zweistündigen Warnstreik. Die Arbeitsniederlegung bei dem Automobil-Zulieferer mit insgesamt rund 900 Beschäftigten war strategisch geplant: Zum Schichtwechsel hörte die Frühschicht eine Stunde früher auf, während die Spätschicht 60 Minuten später zum Dienst antrat. Auch hier war Kautzmann mit der Resonanz zufrieden. "Wir hatten mit 200 Beteiligten gerechnet, 300 sind es geworden", freute sich auch der Betriebsratsvorsitzende Hubert Markmann vor dem Werkstor über die rege Beteiligung.

Nahezu ausnahmslos gewerbliche Mitarbeiter hielten für den Streik die Fahne hoch. "Mehr Geld, mehr Zeit", lauteten auch hier die auf Transparenten festgeschriebenen Forderungen. Eingebettet in die etwas philosophisch anmutende Überschrift "Miteinander für Morgen" protestierten die Westfalia-Mitarbeiter gegen den Verhandlungsstillstand. "Das ist mehr als eine Lohnforderung", sagte Ex-Bundestagsabgeordneter Klaus Brandner, der langjährige frühere 1. Bevollmächtigte der Gewerkschaft. Brandner hatte es sich wie sein Nachfolger im Amt des 1. Bevollmächtigten, Bernd Marx nicht nehmen lassen, dem Warnstreik einen Besuch abzustatten. Mit der Forderung nach mehr (Frei-)Zeit wolle die IG Metall "Gesellschaftspolitik voranbringen", so Brandner.

Die Arbeitgeber seien "sehr nervös", sieht Beate Kautzmann die Gewerkschafter in einer guten Verhandlungsposition. Ihre Forderung nach 6 Prozent mehr Lohn und 28 Stunden Wochenarbeitszeit nannte sie "ökonomisch richtig" und "gesellschaftlich vernünftig". Die Arbeitgeber hatten 2 Prozent und eine Einmalzahlung von 200 Euro angeboten, bei 40 Stunden und mehr Wochenarbeitszeit.

Dass in der aktuell brummenden deutschen Wirtschaft der Bedarf an Fachkräften groß ist, das weiß auch die erste Gewerkschafterin des Kreises zu gut, wie sie auf NW-Nachfrage erklärte. Kautzmanns Forderung an die Arbeitgeber lautet: Facharbeiter als Facharbeiter beschäftigen, mehr Weiterbildungen durchführen, mehr ausbilden sowie Teilzeitarbeitnehmer, die Vollzeit arbeiten möchten, in Vollzeit übernehmen. "Bei uns sind über viele Jahre die Azubis direkt in die Produktion gegangen, statt als Facharbeiter eingesetzt zu werden", sagte Westfalia-Betriebsrat Hubert Markmann dazu.

In Baden-Württemberg sollen nun am 11. Januar die Verhandlungen wieder anlaufen, in NRW eine Woche später am 18. Januar. Sollte die IG Metall danach ihrem Ziel noch nicht näher gekommen sein, werde man ein zweites Zeichen setzen und zum 24-Stunden-Streik aufrufen, sagte Beate Kautzmann. Auch auf das nächstes Mittel danach, die Urabstimmung, wies Kautzmann die Zuhörer während ihrer 30-minütigen Ansprache hin.


OWL-Metaller im Warnstreik

Die Warnstreikwelle im Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie gewinnt an Wucht: Mit Arbeitsniederlegungen und Kundgebungen in sechs ostwestfälischen Unternehmen war die Region OWL ein regionaler Schwerpunkt in der Auseinandersetzung. Insgesamt beteiligten sich in der Region 1.400 Beschäftigte, darunter auch bei Claas Industrietechnik und HDO in Paderborn (Foto). Betroffen waren zudem Firmen in Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück, Salzkotten, Brakel und Bielefeld. Heute sind die Mitarbeiter weiterer Firmen in OWL zur Teilnahme an der bundesweiten Warnstreikwelle aufgerufen. 


Weitere Fotos zu den Warnstreiks im Bereich der Geschäftsstelle Gütersloh-Oelde findet du hier.